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Gastbeitrag (Jan Stich): Aliens vs Predator und das Ende der Utopien

Gastbeitrag (Jan Stich): Aliens vs Predator und das Ende der Utopien

Seit Thomas Morus‘ Schrift Utopia, in Deutsch zuerst erschienen als „Von der wunderbarlichen Innsul Utopia genannt, das andere Buch“, ist die Utopie ein feststehender Begriff. Die Geschichte des Seemannes, der vom Leben der Utopier berichtet, die eine quasi demokratische Republik ohne Privateigentum und Militär eingerichtet hatten, ist heute noch ein spannendes Gedankenspiel. Damals war sie revolutionär, unterlief sie doch die geläufigen Vorstellungen eines unbedingt ungerechten Diesseits. Nicht Gott nach dem Tod, sondern die Menschen selbst im hier und jetzt seien in der Lage ein Utopia einzurichten, lautete der unterschwellige Aufruf die Welt zu verbessern. Der utopische Roman ist seitdem ein feststehender Begriff und bis heute ein wichtiger Teil der Science Fiction.

Nicht nur in der Literatur, gerade in der Politik spielt das utopische Denken eine wichtige Rolle. Oder eher: spielte eine wichtige Rolle. Das wirkmächtigste Utopia hatten wohl die Kommunisten entworfen. Ihren Vorstellungen einer gerechten und besseren Welt folgend, wurden im 20. Jahrhundert reihenweise Regierungen gestürzt und mancher Krieg entfesselt. Doch in den letzten zwei Jahrzehnten ist es ruhig geworden um die Utopien. Seit dem Ende der Sowjetunion scheint die kommunistische Idee verworfen, sie habe den Realitätstest nicht bestanden ist die hegemoniale Ansicht.

Und auch in der Science Fiction ist die Utopie am Verschwinden. Von Matrix bis zu den Tributen von Panem regiert ihr Gegenteil, die Dystopie. Wo Science Fiction früher kühne Zukunftsvisionen entwarf, ist sie heute nur noch Mahner vor falschen und gefährlichen Entwicklungstendenzen. Alle wissen, wie es nicht gemacht werden sollte, doch keiner scheint mehr zu wissen, wie es besser wird. Eine hoffnungslos optimistische Serie wie Star Trek – die Menschheit friedlich vereint mit Außerirdischen hat die Kriege aufgegeben, reist mit rein humanistisch noblen Forschungsabsichten durch das Universum und hat dabei sogar das Fleischessen komplett aufgegeben – würde heute wohl kaum noch Investoren bekommen. Das 1992 von Francis Fukuyama ausgerufene „Ende der Geschichte“ scheint sich zumindest als „Ende der utopischen Geschichte“ zu bewahrheiten.

Selbst ein düsterer Science Fiction-Horrorfilm wie „Alien“ von 1979 hatte noch utopische Elemente. So schien es für die Drehbuchautoren Shusett und O’Bannon unvorstellbar, dass in einer fernen Zukunft noch das Patriarchat herrschen könne. „The crew is unisex and all parts are interchangeable for men or women“, proklamierten sie in ihrem ersten Script-Entwurf. Tatsächlich wurde Ripley, gespielt von Sigourney Weaver, der einzige Charakter, der in allen vier Alienfilmen zu sehen war und bis heute freut sich die Reihe dank ihrer starken Protagonistin und extrem sexualisierten Bildsprache großer Beliebtheit bei der feministischen Filmkritik.

Auf unserer letzten LAN-Party haben wir sehr viel Zeit im großartigen Multiplayer-Modus von Aliens versus Predator (2010) verbracht. Dabei ist mir ein interessantes Detail aufgefallen: Im Mehrspielermodus dürfen die Spieler anfangs nur einen Charakter jeder Rasse – Mensch, Alien & Predator – spielen. Im Spiel sammeln die Spieler dann Erfahrungspunkte, mit denen sie weitere Charaktere freispielen können. Dabei haben wir auch nach etlichen Spielstunden es nicht geschafft, eine spielbare Frau freizuspielen. Da es in der Singleplayer-Rolle einen prominenten weiblichen Charakter gibt, wird man diese sicher auch im Multiplayer freispielen können, doch scheint die weibliche Option hier eher eine Art Belohnung für besonders ausdauernde Spieler zu sein. Knapp 30 Jahre nach dem ersten Alien-Film scheint das Patriarchat auch in der fernen Zukunft wieder fest im Sattel zu sitzen. Das ist besonders ärgerlich, da der weibliche Anteil unter den Videospielenden in den letzten Jahrzehnten doch eigentlich erheblich gestiegen ist.

Für den materialistischen Kritiker Fredric Jameson enthält jeder Text, und damit auch jeder Film und jedes Spiel, auf seiner fundamentalsten Ebene eine politische Fantasie, die in widersprüchlicher Art sowohl die herrschenden, als auch die möglichen sozialen Beziehungen wiedergibt, die die Individuen in einer spezifischen politischen Ökonomie konstituieren. Für Alien ist diese spezifische politische Ökonomie seit dem ersten Film ziemlich deutlich eine Klassengesellschaft mit klarer Rangordnung. Dass die Alienfilme nicht nur eine mögliche Zukunft, sondern auch ihre eigene Gegenwart reflektierten zeigt nicht zuletzt das Wortspiel aus dem zweiten Alien-Film, in dem die Marines ihre (ebenfalls weibliche) Kameradin Vasquez damit aufziehen, dass sie sich nur für die Mission gemeldet habe, weil sie dachte, es ginge nicht um „Aliens“ als Außerirdische sondern „illegal Aliens“, also illegale Einwanderer, wie heute eben tausende Lateinamerikaner es in den vereinigten Staaten von Amerika sind. Was für eine trostlose und unwahrscheinliche Vorstellung, dass dieses Thema auch noch für intergalaktische Marines im 22. Jahrhundert aktuell sein könnte.

Und so sagt es eben auch viel über unsere heutige Zeit aus, dass die Hoffnungen auf eine Gleichstellung von Mann und Frau 2010 nicht mehr aktualisiert wurden. Geblieben ist nur die Bedrohung, das Alien. Viele Kritiker sehen in der Alien-Figur eine Metapher für das Böse an sich, den Menschen selbst oder vielleicht auch nur seine zerstörerische Ideologie des Kapitalismus‘. Es gehört zu den Besonderheiten des Alien Versus Predator-Franchise, dass die Aliens zwar nichts von ihrem Schrecken eingebüßt haben, und doch im Angesicht einer neuen Bedrohung plötzlich beschützenswert erscheinen.

In Film, Comics und Spielen wird diese Bedrohung durch den Predator dargestellt. In unserer Welt könnte es jene stets glimmende, nie so ganz abebben wollende Faschisierung sein, die scheinbar jeden Moment bereit ist, die totale Barbarei zu entfesseln. Hat das Diesseits also nicht mehr zu bieten als Kapitalismus oder Barbarei? Zwischen solchen Fronten wird selbstverständlich jede Utopie zermahlen. In diesem ideologischen Umfeld scheint es kein Wunder, dass immer mehr Menschen hinter Thomas Morus zurückfallen, alle Hoffnungen fallen lassen und wieder auf eine göttliche Gerechtigkeit nach dem Tod hoffen, sei es Paradies, seien es 72 Jungfrauen.

2 Kommentare

  1. mindgames

    An dieser Stelle bedanke ich mich ganz herzlich bei Jan für den großartigen Artikel. Jan hat einen wunderbaren Blog, den ich wärmstens empfehlen kann: http://www.gruen-stich.de

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  1. Auswärtsspiele | Gruen-Stich

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